Ganz normale Rechtsextreme und ihr Lambda

Der „identitäre“ Stammtisch zwischen Neofaschismus und Prahlerei

Als intellektuelle „Jugendbewegung der ‘Neuen Rechten'” stellen sich die Identitären mit Vorliebe dar. Neu ist an ihnen allerdings kaum etwas, rechts dafür sehr viel. Eine Bewegung sind sie nicht einmal virtuell, und intellektuell kommen sie über das Niveau des rassistischen – immer öfter auch schlägernden – Stammtischs nicht hinaus.

Opas Faschismus sucht Anschluss

Der Begriff „Neue Rechte“ stammt aus den 70er und 80er Jahren, als die neofaschistische Szene in Westeuropa einen Modernisierungsprozess durchlief, wie ihm sich jede Ideologie stellen muss, wenn sie politisch relevant bleiben will. Neurechts bezeichnete damals ein Spektrum von rechtsextremen Gruppen, Personen und Institutionen, die ihre Sprache modifizierten, neue Strategien einsetzten und damit ein erweitertes Publikum erreichten.
Auch inhaltlich fanden Verschiebungen gegenüber dem traditionellen, stark im Nationalsozialismus verhafteten Rechtsextremismus statt: Statt auf Hitler beriefen sich die Neuen Rechten auf die faschistischen Projekte der 20er und 30er Jahre in Deutschland und die faschistischen Regierungen in den mit dem NS-Regime verbündeten Ländern.
Der hierarchisierende Rassismus, der sich auf die Kategorie der „Rasse“ konzentrierte, wurde abgelöst durch den kulturalistischen Diskurs, der eine Art Rassismus auf Gegenseitigkeit propagiert. Die Neurechten ersetzten den veralteten Begriff der „Rasse“ durch das unverfängliche Vokabel „Kultur“, benutzten ihn jedoch mit denselben ausgrenzenden, starren Bedeutungen. Von der Überlegenheit der eigenen Spezies sprachen sie zwar nicht mehr, dafür agitierten sie gegen die angeblich allgegenwärtigen Gefahren von „Vermischung“, „Überfremdung“ und „Untergang“, die alle Kulturen gleichermaßen gefährdeten. Die neorassistische Argumentation verschob das Erklärungsparadigma vom stark auf äußerliche Merkmale fixierten Begriff der „Rasse“ auf die Bezugspunkte Ethnie und Kultur mit ihren kulturalistisch definierten Ausgrenzungskriterien.
Neurechts war somit von Anfang an eine Selbstbezeichnung von Neofaschist_innen, die damit versuchten, sich von den Verbrechen des historischen Faschismus, insbesondere von der Shoah, reinzuwaschen, ohne auf ihre Ideologie verzichten zu müssen. Die führenden Akteur_innen, etwa aus Frankreich, hatten im Gegensatz zu den wehrsportelnden Hitlerverehrer_innen aus Österreich schneller begriffen, dass sie Opas Weltanschauung aktualisieren mussten, um gesellschaftlich eine Rolle spielen zu können. Die Berufung auf Ernst Jünger bewahrte sie vor dem Image der Ewiggestrigen, der Verzicht auf offene NS-Nostalgie vor dem Verbotsgesetz – und die Rede von der eigenen Kultur und der Bedrohung durch Masseneinwanderung war das Ticket in den Mainstream-Rassismus.
Langsam griffen diese Modernisierungen auf Deutschland und Österreich über, wenn auch mit Abstrichen und Rückschlägen. Die Darstellung von Migrant_innen als Opfer der eigenen Migration bekamen zwar französische Rassist_innen wie Alain de Benoist hin, doch das freiheitliche Fuß-und Funktionär_innenvolk in Österreich war von solchen taktischen Manövern weit entfernt. Selbst das intellektuelle Möchtegern-Aushängeschild Andreas Mölzer brauchte ein paar Jährchen, bis es die biologistische Diktion von der „weißen Rasse“ hinter sich gelassen hatte.
Doch inzwischen ist den meisten Rechtsextremen auch hierzulande klargeworden – zumindest im nüchternen Zustand -, dass Verzicht auf NS-Propaganda und modernisierter Rassismus sich lohnen. FPÖ und Kronenzeitung verschafften der feindseligen, gegen Migrant_innen und Geflüchtete gerichteten Mobilisierung ein massentaugliches Format. Nach 2000 stand mit den Muslim_innen ein weiteres Feindbild zur Verfügung, das – freilich mit tatkräftiger Unterstützung von SPÖ und ÖVP – eine Mehrheit der Bevölkerung teilt. Nicht einmal auf ihren nach wie vor heißgeliebten Antisemitismus mussten Österreichs Rechtsextreme verzichten: Wer nicht mit der Dummheit eines Franz Radl oder eines Richard Pfingstl gestraft ist, kann es sich leisten, weiter gegen Juden und Jüdinnen zu agitieren – und kassiert dafür sogar Presseförderung.

Die „Identitären“: Bye, bye Walter Nowotny…

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Demonstration der „Identitären“ gegen den „großen Austausch“ am 6.6.2015 in Wien: Stefan Juritz darf das Megaphon für Martin Sellner halten.

Die sog. neurechte Modernisierung des Diskurses der Ungleichheit ist somit längst nicht mehr „neu“ oder auf die rechtsextreme Szene beschränkt, sondern hat die Stammtische und den Boulevard erreicht. Wenn sich daher ein paar Burschenschafter, Kameraden aus dem Umfeld Gottfried Küssels und aufstrebende Neofaschist_innen in Österreich zu einer Gruppe namens „Identitäre” zusammenschließen, war zu erwarten, dass sie sich dem Mainstream des rechtsextremen Diskurses anschließen. Heißt: Sie tauschen „Kultur“ gegen „Rasse“, himmeln zumindest öffentlich Carl Schmitt an statt Walter Nowotny, versichern den Migrant_innen – bevor sie ihre Rückführung fordern -, dass es „eh net“ gegen sie persönlich geht, und ziehen popkulturelles Design der Kurrentschrift vor. Originell ist dieses Benimm-dich-Büchlein nicht mehr, auch wenn es den heimischen Kameraden noch immer Probleme bei der Umsetzung bereitet.
Und auf dem eigenen sozusagen autochtonen Mist gewachsen ist nicht einmal die Gründung der „Identitären“: Es waren französische Nationalist_innen, die auf die Idee kamen, sich als identitär zu bezeichnen und damit den anknüpfungsfähigen Begriff der Identität ins Spiel zu bringen, der parallel zur Kategorie Kultur in der rechtsextremen Szene Karriere machte. Mit einer Moscheebesetzung und einer großmäuligen Kriegserklärung im Internet startete die „Génération Identitaire“ ihre Aktivitäten. 2012 übernahmen Rechtsextreme aus Deutschland und Österreich ihr Konzept, in Österreich um Alexander Markovics, Fabian Rusnjak, Martin Sellner aus Wien (der dafür Naziaufmärsche und Gedenken an den NS-„Helden“ Nowotny hinter sich lassen musste), und Patrick Lenart aus Graz.
Copy und Paste war nicht nur die Organisation als solche, sondern kopiert wird auch, was an Inhalten gebracht wird. Die “Identitären” plappern nach, was seit Jahren an rassistischen und rechtsaußen Parolen zu hören ist: von der FPÖ, von der Kronenzeitung, von den Buden der Burschenschaften, von den vielzitierten „kleinen Leute“, deren Frust sie stets zur menschenfeindlichsten Option im Parteienspektrum führt (sprich zur Partei des ex- und mutmaßlich in Gedanken noch immer Wehrsportlers Strache).

Einfach nur rassistisch…

idi-multikulti stoppen

Im Namen von Leonidas einfach nur bescheuert… Rassistische Sprayaktion der „Identitären“ an der Uni Graz gegen den Multikultiball im Juni 2015

Bei Interviews und öffentlichen Auftritten versuchen die “Identitären”, die philosophierenden Intellektuellen zu spielen. Keine „dumpfen Parolen“, sondern „philosophische Ansätze“ gebe es bei ihnen, versicherte Lenart 2014 gegenüber einer Kärntner Bezirkszeitung. Doch egal wie emsig mensch in ihren schriftlichen und mündlichen Ergüssen sucht – mehr als die altbekannte rechtsextreme Propaganda findet sich da einfach nicht:
Migration ist „Überfremdung“, „ethnokultureller Selbstmord“ oder der „große“, selbstverständlich von „oben“ gesteuerte „Austausch“. Bekämpft werden muss die „grassierende Islamisierung“, vor allem, da der Islam „nicht kompatibel“ mit „unserer Kultur“ ist. „Die Österreicher“ werden bald die „Minderheit“ im „eigenen Land“ sein, und deshalb müssen die Grenzen „ dicht“ gemacht werden. Alles schon x-mal gehört, gelesen, geschrieben – und jetzt eben unter dem Label „identitär“ wiedergekäut, unterlegt mit der für rassistische Hetze typischen Mischung aus Unwissenheit, Bosheit und Paranoia.
Wer ein_e echte_r Rechtsextreme_r sein will, übernimmt natürlich auch das Ungleichheitspostulat: Immerhin verzichtet ein Martin Sellner schon aus Imagegründen auf die neonazistische Erlebniskultur, da darf wenigstens ein bisserl Wettern gegen Liberalismus und Universalismus sein. Denn der Liberalismus habe „den Selbsterhaltungstrieb der europäischen Völker ausgehöhlt“, so die „Identitären“. Eine solche Gesellschaft „degeneriert zwangsläufig und wird dekadent.“
Martin Semlitsch alias Lichtmesz, Autor der Zeitschrift „Sezession“ aus dem einschlägigen Ares-Verlag, sowie Propagandist und häufiger Gast der „Identitären“, rief sogar den Himmel als Zeugen für die „Ungleichheit der Menschen“ an: „Der Irrtum besteht in der Annahme, dass das Postulat der unbedingten Menschenwürde des Einzelnen voraussetzt, dass alle Menschen ‚gleichwertig‘ seien. […] Es ist daher genau genommen auch problematisch, von der Menschenwürde zu sprechen, als sei sie eine voraussetzungslose Gegebenheit […] Der Himmel selbst ist hierarchisch geordnet und keineswegs eine Ansammlung von Gleichen.“

Wenn der Bursch vom Heldentum träumt

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Für solche Bilder begeistert sich das „identitäre“ Buberl: Stefan Juritz mit blutbeflecktem „Identitären“-Shirt.

Für solche Erkenntnisse sind Markovics und Co bereit, in den „spirituellen Krieg“ zu ziehen, wie sie erklärten. Als Markenzeichen haben sie sich nicht umsonst das Lambda ausgewählt, das Symbol der spartanischen Militärdiktatur, weil die bekanntlich schon 480 v. Chr. am Thermophylenpass das Abendland gegen „raumfremde Mächte“ verteidigte. „Diese Opferbereitschaft und wehrhafte Verbundenheit zur Heimat ist Europa von Sparta in die Wiege gelegt worden“, ist in der Publikation „Identitäre Generation“ zu lesen. Deswegen fühlen sich auch die „Identitären“ zur „wehrhaften Selbstbestimmung“ berufen, die sich auf den heutigen „Schlachtfeldern“ zu behaupten hat“. Sie sehen sich als eine „einheitliche Verteidigungslinie gegen Islamisierung, Entfremdung, internationale Finanzdiktatur und kulturellen Selbsthass, gegen Bedrohungen von Außen und Innen. Leonidas, Karl Martell und Prinz Eugen sind unsere Zeugen! Das Abendland darf und wird nicht fallen!“
Nun ist es jahrzehntelange rechtsextreme Taktik, sich selbst als Tabubrecher_innen, Dissident_innen und einsame Krieger_innen darzustellen, selbst wenn die mitleidhaschenden Akteur_innen Bestseller verkaufen, als regierungsfähig gelten und die auflagenstärksten Medien hinter sich haben. Der Pathos und der Größenwahn der „Identitären“ fällt allerdings selbst unter einschlägigen Szene-Äußerungen als besonders peinlich auf.
Was in identitären Köpfen so vorgeht, zeigt etwa ein Eintrag auf der Facebook-Seite der „Phalanx Europa“, ihres Online-Kleiderversands, geführt von Lenart und Sellner: Dort posiert mit blutbeflecktem „Identitären“-Shirt Stefan Juritz und erhielt für sein Konterfei vom Versand den Kommentar: „Turn your life into a line of poetry, written with a splash of blood – wie könnte man dieses Motiv besser würdigen als mit einem Spritzer Blut. Dieser Identitäre hat das verstanden und es bei einer Mensur getragen. Adrenalin, Kampfgeist, Mishima und Blut – das hat den ersten Preis verdient!“
Im Übrigen: Ja – genau der Juritz, der als Obmann des „Ring Freiheitlicher Jugend“ Deutschlandsberg seine Solidarität mit dem neonazistischen BFJ ausdrückte und sich am 30. Jänner 2010, dem Jahrestag der Machtübergabe an Adolf Hitler, mit anderen Burschenschaftern und Neonazis, gekleidet in Blood and Honour-Leiberl, in einem Lokal traf. Jener Juritz, der für die diesem Treffen anschließende neonazistische Prügelaktion im Lokal „Zeppelin“ in letzter Minute ein Alibi präsentierte und daher im Prozess freigesprochen wurde – der hat nämlich auch den Weg zu den Grazer „Identitären“ gefunden, um dem fallenden Abendland beizustehen.
Bei länderübergreifenden „Akademien“ wird für die gewünschte „Reconquista“ handfest geübt. Ein Bericht von der Sommerakademie 2014 in Frankreich, an der österreichische „Identitäre“ teilnahmen, schwärmt: „Der Tag begann am frühen Morgen mit Ausdauer- und Kampfsport […]Der Menschenschlag, den die Bewegung unter sich vereinen konnte, die Gemeinschaft unter den Aktivisten und der Kampfgeist sowie die Disziplinen der Teilnehmer waren beeindruckend. An jedem Tag konnte man sich vergewissern, Teil von etwas Großem zu sein. Besonders während des harten Trainings für Demonstrationen und zur Vorbereitung auf Zusammenstöße mit dem politischen Gegner waren am Gesicht jedes Einzelnen die Entschlossenheit und die Überzeugung abzulesen…“

… und bei Gelegenheit zuschlägt

idis prügeln in wien

Das intellektuelle Niveau der „Identitären“ am 6.6.2015: Rechtsextreme Demonstranten gehen gewaltsam gegen einen Antifaschisten vor, der bereits am Boden liegt.

Das mit der Bewegung klappt allerdings noch nicht so wirklich – außer in ihrer Selbstdarstellung und in jenen Medien, die diese unkritisch übernehmen. Zumindest bis Herbst 2015 verirrte sich nur der engste Symphatisant_innenkreis zu identitären Auftritten. 2014 freute sich Patrick Lenart gegenüber den Medien über einen „Besucherrekord“ von 20 Leuten bei einer Veranstaltung in Klagenfurt. Für ihre wochenlang beworbene Demonstration gegen den „großen Austausch“ am 6.6.2015 konnten die österreichischen „Identitären“ gerade einmal 300 Personen mobilisieren, wobei etwa die Hälfte der Teilnehmer_innen aus dem Ausland kam (Andererseits: Leonidas soll ja damals auch nicht mehr Selbstmordattentäter zur Verfügung gehabt haben).
Diese Tatsache brachte möglicherweise an diesem Tag einige „Identitäre“ dazu, zumindest das „harte Training“ in die Praxis umzusetzen. Im Verlauf ihrer Kundgebung verletzten rechtsextreme Teilnehmer antifaschistische Aktivist_innen, die in einer kleinen Gruppe auf die Demo trafen, und einen Gewerkschafter der AUGE, der als Beobachter gekennzeichnet war. Zu sehen ist der Moment, in dem eine Horde „Identitärer“ auf Antifaschist_innen losstürmt und Sekunden später auf am Boden liegende Personen eintritt, auch in einem gewohnt pathosbeladenem filmischen Jahresrückblick auf die Höhepunkte der selbsternannten „Bewegung“ im Jahr 2015.

„Identitäre“ decken auf – die eigene Peinlichkeit

2015 starteten die „Identitären“ ihre Kampagne zum „Großen Austausch“. Wenig hat ihr inhaltliches Niveau so entlarvt wie die Propaganda, die unter diesem Titel lief und läuft.
„Niemand hat bisher alle Fakten klar auf den Tisch gelegt […] Es gibt im Internet keine zweite Seite wie diese, es gab in Österreich noch keine Kampagne wie diese. […]Hier erfährst Du, was von Medien und Politik in Österreich streng geheim gehalten wird. Wir erklären Dir, was mit uns passiert. Wir enthüllen den Großen Austausch“, verkündete der „identitäre“ Inspector Columbo auf der Kampagnenseite im Netz und enthüllte – was FPÖ, Pegida, rechtsextreme Käseblätter und rassistischer Boulevard täglich hinausposaunen: das Szenario von den masseneinwandernden Fremden, die den Lederhosen- und Dirndl-Österreicher demnächst zum Fremden im eigenen Land machen werden.
Was natürlich kein Zufall ist, wie Sellner und Kamerad_innen erklären: Die Schulung, die einige „Identitäre“ durch Neonazis erhalten hatten, trug nun doch Früchte und so übernahmen die Neofaschist_innen auch die seit Jahrzehnten in den einschlägigen Kreisen kursierenden Verschwörungstheorien. Im identitären Originalton hört sich das so an: „Der Große Austausch ist kein ‚Zufall‘, keine ‚Naturkatastrophe‘. Er ist gewollt und geplant. Hinter ihm stecken Verantwortliche, die wissentlich und willentlich unsere Kultur abschaffen und ihr eigenes Volk austauschen. Die Multikultis sind vernetzt und aktiv. Sie haben einen Plan und eine Agenda. Sie setzen jeden Tag eine millionenschwere Propaganda-Industrie in Bewegung, um den Austausch voranzutreiben und die Österreicher stumm und dumm zu halten.“
Freilich: „Identitäre“ sind ein bisserl vorsichtiger als die fanatische Dumpfbacken-Fraktion der Rechtsextremen. Während deklarierte Neonazis wie Gerd Honsik oder Walter Ochensberger ganz offen die Aliierten und/oder die Juden_Jüdinnen als Drahtzieher der „Überfremdung“ denunzieren, halten sich die „Identitären“ bedeckt bei der Benennung der Schuldigen. Aber: Es ist jedenfalls eine „gigantische ‚politisch korrekte‘ Lobby, die über jeden herfällt, der sich auflehnt.“ Es gehört schon eine gehörige Portion Gier nach Märtyrertum dazu, sich in Österreich für die Äußerung von Rassismen verfolgt zu wähnen. Aber möglicherweise langweilt sich Patrick Lenart ohne diese Kriegerallüren sonst zu sehr über den eigenen Texten.
Was den „Identitären“ für ihre Kampagne noch fehlte, waren die Fakten. Knapp 20% der österreichischen Bevölkerung hat Migrationshintergrund (was nur bedeutet, dass die Eltern im Ausland geboren wurden). Sogar einem Martin Sellner muss klar gewesen sein, dass solche Zahlen für den geplanten nationalen Weckruf nicht das Wahre waren. Die Lösung: Die Statistiken dienten nur der Verschleierung, das wahre Ausmaß der Unterwanderung werde verschwiegen, so die „Identitären“ in ihren Publikationen, weil – Trommelwirbel – nur die ersten zwei Generationen, nicht aber die dritte und vierte Generation Zuwanderer erfasst würden.
Also, ihr Straches, Eustacchios und übrige, packt’s eure Stammbäume aus, und wehe, wessen Großeltern oder Urgroßeltern außerhalb des Staatsgebietes des heutigen Österreichs geboren wurden: Dann dürft ihr euch nach identitärer Meinung hiermit als Teil jener bedrohlichen Masse betrachten, die gerade das österreichische Volk austauscht.
Ansonsten diente der Dienstantritt eines einzigen islamischen Seelsorgers beim Bundesheer den „Identitären“ als Beweis für die „Islamisierung“, die Errichtung von Zeltstädten für Flüchtlinge im Rahmen des von der Bundesregierung bewusst inszenierten Notstandes als Indiz, dass die Asylwerbe_innen in Wirklichkeit „Siedler“ sind. Garniert wurde die Kampagne mit den üblichen Lügengeschichten aus der Kronenzeitung, deren Journalist_innen bekanntlich der FPÖ in Skrupel-und Gewissenlosigkeit um nichts nachstehen, wenn es um Hetze gegen Geflüchtete und MigrantInnen geht.
Treuherzig versicherten die „Identitären“ dabei, dass sie persönlich nichts gegen die Asylwerber_innen hätten. Also: Wir stellen euch wahrheitswidrig als „Schmarotzer“ und „Randalierer“ dar, wir fordern mit Flyern und Transparenten die Schließung eurer Unterkünfte, auch wenn ihr dann im Freien schlafen müsst, wir demonstrieren dafür, euch in eure Bürgerkriegsländer und Hungergebiete zurückzuschicken – aber bitte, liebe Geflüchtete, das ist alles nicht gegen euch gerichtet. Eine beleidigte Leberwust sozusagen, wer es anders sieht…

Und die Reihen fest geschlossen!

vorarlberger neonazis bei idi-aufmarsch in Spielfeld am 15.11.2015

Demonstration der „Identitären“ am 15.11.2015 in Spielfeld: Vorarlberger Neonazis mit dabei.

Die Flüchtlingsbewegung im Sommer 2015 bescherte den „Identären“ schließlich das Publikum bei ihren Aktionen, das sie bisher nur im Netz herbeihalluziniert hatten. In einem von gezielter Hetze und politischer Panikmache gestalteten gesellschaftlichen Klima schlossen sich zwischen 500 und 800 Personen den Demonstrationen an, zu denen die IBÖ am 15.11.2015 und am 28.11.2015 in Spielfeld aufrief. In brauner Eintracht marschierten sie dort gemeinsam gegen „die Invasion“: „Identitäre“, FPÖler_innen, Neonazis, rechte Hooligans und rassistische Normalbürger_innen, die ihren Gewaltphantasien im Netz freien Lauf ließen.
Doch die Zusammenarbeit der „Identitären“ mit den Neonazis ging noch weiter: Am 31.10. 2015 betätigten sich identitäre Aktivisten als Ordner bei der Kundgebung der neonazistischen „Partei des Volkes“ (PDV), darunter Uwe Aulibauer. Lenart und Kerbl traten dort sogar als Redner auf. Am 15.11.2015 wurde ein neonazistischer Schlägertrupp aus Vorarlberg vorgeschickt, um eine Sitzblockade von Antifaschist_innen wegzuprügeln, damit die Demo passieren konnte. An der Kundgebung der PDV in Wien am 21.11.2015 nahm erneut eine identitäre Abordnung teil, ebenso gab es einen identitären Redebeitrag. Quasi als Dankeschön mobilisierte dafür die PDV für die Demonstration der „Identitären“ vor der Grazer Kirchnerkaserne am 17.1.2016 und ließ sich dort auch persönlich blicken.
An diesem Tag fielen bei den „Identitären“ die letzten Hemmungen: Nach dem Ende der Kundgebung lauerte ein Schlägertrupp einer Gruppe von Gegendemonstrant_innen auf. Mit dem Ruf „Generation Identitaire“ stürmten die „Identitären“ u.a. mit Schlagstöcken auf die Antifaschist_innen los und verletzten zwei Frauen. Unter den Angreifern: Philipp Huemer, Dominic Hacker und Fabian Rusnjak, identitäre Kader und Aktivisten aus Wien. (Eine detaillierter Bericht der militanten Angriffe und Aktivitäten der “Identitären” am 16. und 17.1.2016 in Graz findet sich hier)

Nach der Aktion der steirischen „Identitären“ in der Wiener Votivkirche 2012 die sich gegen die Refugee-Bewegung richtete, hatte Armin Wolf gepostet: „Es gibt Gruppen, bei denen die einzig relevante Identitätsfrage lautet, ob das Idioten oder Arschlöcher sind. Mutmaßlich beides.“ Der 17.1.2016 zeigte: Letztlich hatte dieser Kommentar den Charakter der „Identitären“ besser getroffen als so manche linke Ausführung über ihre angeblichen neurechten intellektuellen Hintergründe.

Sind Sellner, Lenart und Co rechtsextrem? Zweifellos! Neonazis und Schlägertrupps in den eigenen Reihen? Hinlänglich bewiesen. Aber gibt es irgendwelche ernstzunehmenden Argumente? Außer ihren Schlagstöcken und Fäusten, versteht sich. Wenn Sellner schreibt „Wir reiten auf dem letzten Wellenbogen, im letzten Lebenshauch unserer ethnokulturellen Tradition “, dann hat der einfach einen an der Waffel. Wenn die IBÖ auf VK schwadroniert „Wir sind die Bewegung, die […] mit gestärktem, aufrechten Gang in die Zukunft gen Sonnenaufgang marschiert […] Die Bewegung der Härte, des Schweißes und der Selbstüberwindung“, dann fragen wir uns, wie viele Promille da wieder im Spiel waren.
Nein, ihre Inhalte wären nur peinlich und lächerlich , wenn… ja wenn sie nicht in einer Gesellschaft formuliert würden, die zu einem guten Drittel für eine rechtsextreme Partei stimmt und in der Rotschwarz der FPÖ den roten Teppich ausbreitet, – deshalb und aufgrund dieser Verfasstheit der österreichischen Politik und Gesellschaft muss jede rechtsextreme Gruppe ernst genommen und bekämpft werden, und sei sie noch so peinlich und lächerlich.

 

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